Donnerstag, 25. August 2011

23. August - Politik in Ottawa

Ottawa ist keine amerikanisch-kanadische Stadt - das wurde uns schon beim Frühstück im Hotel klar, denn hier gab es neben Papp- und Plastikgeschirr auch echtes Steingutgeschirr und eine Dame, die das Geschirr sofort wusch. Auch die runden Brötchen mit Loch sowie der Cream cheese fehlten, die bei einem traditionellen amerikanischen Frühstück eigentlich nicht wegzudenken sind. Durch Ottawa weht eben schon ein laues, aus Quebec kommendes, französisches Lüftchen. So verwundert es auch nicht, warum das provinzielle Ottawa zur Hauptstadt der Kanadier erkoren wurde: es liegt auf der Grenzlinie zwischen Engländern und Franzosen, wenngleich Ottawa zur hauptsächlich englischsprachigen Provinz Ontario gehört.

Nach dem Frühstück mussten wir uns beeilen, denn wir wollten die exerzierende Wachen vor dem Parlamentsgebäude nicht verpassen. Schnell fuhren wir ins Zentrum, stellten unseren Bus unter und eilten zum Parliament Hill. Zwar waren andere Touristen schneller als wir und überließen uns keinen Platz in der ersten Reihe, doch haben wir das meiste der kleinen Parade beobachten können. Es wurde aus Leibeskräften in die diversen Blasinstrumente gepustet, Dudelsäcke erklangen von Quilt tragenden Männern und Frauen, Köpfe wurden auf Kommando nach links und rechts geworfen, Füße gestampft, Waffen bereit gehalten und vom Chef im Takt der Musik begutachtet. Warum also nach London reisen, wenn man die rot bejackten und Bärenfell bemützten Wachsoldaten auch in Ottawa bewundern und fotografieren kann? Schließlich setzte sich der Zug marschierend in Bewegung und ging irgendwo hin und hinterließ eine große, leere Wiese, auf der im Frühjahr alles voller Tulpen sein soll – ein Gruß der holländischen Royals, weil die Kanadier ihnen im Zweiten Weltkrieg Exil boten.





Wachablösung vor dem Parlamentsgebäude







Der Rasen ist wieder frei


Auch heute waren gelbe und orangene Blumen auf dem Parliament Hill zu finden – von trauernden Menschen, denn am Tag zuvor war der Anführer der neuen demokratischen Oppositionspartei, Jack Layton, an Krebs gestorben. Alle Fahnen in Ottawa wehten auf Halbmast, neben Libyen war Layton Thema Nummer 1 in Zeitung und Fernsehen.

Wir meldeten uns zu einer Führung durch das Parlamentsgebäude an, mussten jedoch eineinhalb Stunden bis zu unserem Termin warten. Diese Zeit verbrachten wir mit einem kleinen informativen Rundgang über den Parliament Hill, wo scheinbar jeder wichtige Mann des 19. und 20. Jahrhunderts in Stein geschlagen steht.

Durch das Gebäude, das wir erst nach einem Sicherheitscheck betreten durften, führte uns Liam, der sich wohl erst gestern mit Catherine, die uns die Tickets ausgegeben hat, verlobt hatte, wie einer seiner Kollegen uns öffentlich mitteilte. Armer Liam, der musste sich gleich ein paar Fragen und Kommentare gefallen lassen … Die Führung war recht informativ, wir durften sogar mal in den Senat hineingehen; im House of Representatives fand leider gerade eine Konferenz statt, so dass der Saal für uns geschlossen war. Das gesamte Gebäude ist Westminster nachempfunden – wie gesagt, London kann man sich sparen! Leider brannte alles bis auf die Bibliothek 1916 nieder, weshalb das Gebäude erst knapp hundert Jahre alt ist. Die Bibliothek ist der einzig erhaltene Gebäudeteil.

Mit Grundkenntnissen in kanadischer Politik ausgestattet war nun Raum für Freizeit. Wir liefen durch die Stadt hinunter zum Rideau Canal und am Kanal zurück zum Parlament. Dort befindet sich im Kanal, der aus dem Lake fließt, ein historisches open air Museum für Technik: eine handbetriebene Schleusenanlage. Wir konnten sogar beobachten, wie Wasser gepumpt und die Schleusen über Zahnräder geöffnet wurden. Und diese Vorführung war für die Zuschauer doch glatt umsonst!

Nach so einem lehrreichen Stadtbesuch war es nun an der Zeit, das nächste Ziel anzuvisieren: Montréal, Québec. Unser TomTom führte uns direkt ins Herz der Stadt, wo sich unser kleines Hotel, das Manoir Ambrose, befand. In einem früher einmal herrschaftlichen Stadthaus befindet sich heute ein kleines Hotel mit viktorianischem Charme und hübschen Zimmern (auch wenn dieses individuelle Flair sich in unserem Badezimmer in Form eines muffig-schimmeligen Geruchs äußerte). Das schönere der beiden Zimmer - mit breiterem Bett und Tageslicht sowohl im Zimmer als auch im Bad - haben wir großzügigerweise den älteren Reiseteilnehmern überlassen.


Unser nettes Hotel, das Manoir Ambrose

Weil wir endlich mal wieder im Stadtzentrum nächtigten, konnte unser Bus stehen bleiben und wir gingen zu Fusß auf Essenssuche und landeten schliesslich in einer Pizzeria.

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